Re:publica15 | Media Convention – Liveticker

Joint OPENING: re:publica and media convention Berlin

Pünktlich mit einer halben Stunde Verspätung startet die neunte re:publica – Europas größte Konferenz über digitale Gesellschaft, Blogs und Internet. Drei Tage haben die Besucher_Innen nun Zeit sich unter anderem über die 400 Sessions auszutauschen, zu netzwerken und diskutieren.

re:publica Eröffnung

Die Inititiatoren Markus Beckedahl, Jhonny Haeusler, Elmar Gigler und Tanja Haeusler begrüßen unter tosendem Applaus die Besucher_Innen. Einführende Worte findet Marcus Beckedahl mit Warnrufen gegenüber der aktuellen Politik. Er spricht sich klar gegen die Vorratsdatenspeicherung der digitalen Welt aus und fordert Rahmenbedingungen für dieselbige. Er sieht die re:publica als Ort an dem darüber diskutiert werden sollte. Außerdem ruft er dazu auf, Strategien zu entwickeln, wie jeder einzelne Bürger an der Debatte teilhaben kann. Tanja Haeusler macht darauf aufmerksam, dass bereits 30 Prozent der Schüler_Innen in Berliner Klassenzimmern einen Migrationshintergrund haben. Dieses Bild wird das Zukünftige für unsere Gesellschaft sein. Sie fordert nicht nur Freiheit Europas, sondern auch die Freiheit des Netzes. Während der Eröffnung wird des Weiteren die Rolle Europas in Frage gestellt. Die Hardware kommt aus Asien, Software aus den USA – was ist die Rolle Europas?

Andreas Gebhardt der Media Convention fasst aktuelle Medienentwicklungen in wenigen Fakten zusammen. Aktuell erlebt die Medienwelt einen Wandel und Serienboom. Jedoch gibt es zwei parallele, komplett unterschiedliche Medienwelten – die der Älteren und die Medienwelt der Jüngeren. Überschneidungen sind so gering wie noch nie zuvor. Abschließend gibt er zu denken, dass die Entscheider aber nach wie vor nicht in Europa sitzen.

Tag 1

Fotorecht im Alltag und im gewerblichen Zusammenhang

Carola Sieling lässt hinter die Kulissen blicken. Zum Einstieg macht sie auf die erste Falle der Urheberrechtsverletzung aufmerksam: Die Verwendung von fremden Bildern ohne die Nennung des Urhebers ist in jedem Fall eine Urheberrechtsverletzung. Als Produzent eines Bildes oder Logos kann man kann verschiedene Nutzungsrechte abgeben. Die variieren dann je nach Vertrag oder Lizenzen, ansonsten gilt: Der Partner muss vom geringsten Nutzungsrecht ausgehen. Folgend werden einige Fragen aufgeworfen:
Ist eine Quellenangabe im Impressum ausreichend? Jedem Bild muss dem jeweiligen Urheber klar zugeordnet sein. Das heißt in den meisten Fällen ist eine Quellenangabe im Impressum nicht ausreichend.
Und wie sieht das jetzt mit Social Media aus? Darf ich mein für die Webseite gekauftes Foto für Social Media verwenden? In den Meisten Fällen ist dies nicht erlaubt – es muss auf die korrekte Lizenz geachtet werden. Diese wird aber selten gegeben. Achtung! Das gilt auch für Vorschaubilder des Webseiteneintrages bei Facebook.
Sind teilen, verlinken oder retweeten eigene Urheberrechtsverletzungen? Bei Social Media muss ich zusätzlich ins Gewissen gerufen werden, dass alle Urheberrechte aus allen Ländern zu beachten sind. Bei dem Teilen von Bildern, die schon einer Urheberrechtsverletzung unterliegen, macht man sich selbst dieser schuldig.

Schleichwerbung- Geld vs. Recht und Moral

Thomas Schwenke setzt direkt da an, wo Carola Sieling aufgehört hat. Nun haben wir die Nutzungsrechte der Bilder geklärt, jetzt geht’s an die Kennzeichnung des Contents. Aber was ist denn Schleichwerbung nun wirklich? Schleichwerbung ist in vielen Gesetzen verankert, aber es steht nirgends was es tatsächlich genau ist. Deshalb soll man nie nach einem ja oder nein suchen, sondern eher lernen das Risiko besser einzuschätzen. PR-Beitrage ähneln so stark an den journalistischen Beiträgen, müssen aber ganz klar gekennzeichnet werden – das ist die Faustregel, wobei die Grenzen hier fließend sind. Auch ein Beitrag über ein Corporate Produkt muss im eigenen Blog gekennzeichnet werden, zum Beispiel muss Rossmann den Beitrag über die eigene Hausmarke als Werbung kennzeichnen. Wann ist ein Inhalt werblich? Es kommt auf die objektiven Grundsätze und Hinweise an: Wenn man Geld bekommt, dass ein bestimmter Inhalt rüberkommt, ist es Werbung. Nur wenn man der Journalist vertraglich verpflichtet ist, einen bestimmten Inhalt zu vermitteln und Geld bekommt, ist es werblicher Inhalt. Wenn man dazu nicht verpflichtet ist, muss der Beitrag nicht zwingend gekennzeichnet werden. Wenn man also zum Beispiel als Blogger ein Buch gesendet bekommt, über welches man schreiben kann, aber nicht vertraglich dazu verpflichtet ist, muss der Beitrag nicht unbedingt als Werbung gekennzeichnet werden.

Illusion Liebe: Online Dating als Job

Was passiert denn hinter einer Datingplattform – ein ehemaliger Mitarbeiter packt aus. Als IKM-Schreiber (Internet Kontakt Markt) wurde der junge Mann dafür bezahlt, dass er als Fake-Frau mit Männern auf einer Datingplattform schreibt. Für ihn selbst war es eher ein soziologisches Experiment, als ein langfristiger Job mit Karriereoption. Schon zu Beginn des Vortrags macht er unmissverständlich klar, dass wir hier über echte Menschen, echte Gefühle und echtes Geld reden. Jede IKM-Schreiber_In spiegelt 12 verschiedene Profile eines echten Menschen. Die Fotos kommen von Pronoamateurinnen und die jeweiligen Hintergrundinformation kann man selbst aussuchen – für jeden Kunden eine neue Story oder für faule den ganzen Tag die gleiche Geschichte für verschiedene User. Bei Online Dating geht es vorrangig um Vermittlung von Partnerschaften. Er arbeitete für eine Plattform, bei der man für den Chat pro Minute bezahlt. Das ganze in Schichtarbeit 24/7, 365 Tage im Jahr – zu Weihnachten, Neujahr und Ostern. Die Familie isst die Weihnachtsgans – er chattet mit fremden Männern. Für die IKM-Schreiber_Innen gibt es außerdem ein zusätzliches Interface, in dem jeder sieht, was der einzelne dem Kunden vorher erzählt hat. Somit kann jede/r IKM- Schreiber_In immer auf alle gesammelten Informationen zugreifen und kann somit noch besser von vorn herein auf den Kunden eingehen. Irgendwann steht jede/r Schreiber_In vor einem Problem. Sie erfinden Immer wieder neue Ausreden, die gegen ein Treffen sprechen und irgendwann spingt der Kunde ab und verliert die Lust. Kein Problem! Der Schreiber reift einfach auf eines seiner weiteren Pseudonyme zurück und lockt den Kunden neu an. Das Ganze ist nicht ausschließlich moralisch bedenklich, sondern auch in einer rechtlicher Grauzone. In den AGBs steht zwar, dass es sich um keine echten Menschen handelt, aber wer liest das? Auch innerhalb des Teams wird moralisch nicht korrekt gehandelt. Jede Nachricht bis auf das letzte Komma wird getrackt und ausgewertet. Somit wird das gesamte Team intern unter Druck gesetzt, da das Geld am Ende des Monats geteilt wurde und jeder des Teams konnte einsehen, an wem eventuell ein schlechter Monat gelegen hat. Die Onlinedatingbranche bewegt sich also intern sowie extern in einer dunkelgrauen moralischen Zone, setzt die eigenen Leute unter Druck und beutet ihre Kunden aus.

Tag 2

Adblock Plus:  Ein Werbeblocker als Retter der Onlinewerbung

Tim Schumacher steigt ein und macht den Zuhörern klar, dass nur die Nutzer bestimmen, wo die Reise der Werbung im Internet langgehen wird – auch wenn das den Publizierenden in der Halle nicht gefällt. Onlinewerbung hat eine deutlich schlechtere Akzeptanz als andere Werbeformen wie zum Beispiel Formate im Fernsehen oder Radio. Auf welche Handlungswiesen greifen User zurück, wenn Werbung eigeblendet wird? Es gibt drei Varianten:

  1. Accept
  2. Don`t visit the website
  3. Get rid of the ads

Fakt ist, dass immer mehr Nutzer auf die dritte Alternative zurückgreifen und einen AdBlocker nutzen. Die Leute finden Werbung nicht komplett schlecht, aber sie sind gegen schlechte Werbung, die sie durch das komplette Internet verfolgt, wenn sie sich einmal bei Zalando einen Schuh angeschaut haben und dieser sie nun in den nächsten Wochen in jedem Feed erscheint. Akzeptiert wird Werbung eher, wenn sie nicht nervt, nicht stört, transparent ist und passt. Ein positiver Vorreiter ist für diese Kriterien das Netzwerk Reddit.

Presserecht für Blogger

Wenn man sich mit Presserecht beschäftigen möchte, muss man erstmal verstehen, was Presse eigentlich ist. Die Definition von Presse war vor dem Internet klar: Gedruckte Publikationen, Abgrenzung zu Individualkommunikation, Abgrenzung zum Rundfunk. Durch die digitale Revolution verschwimmen Mediengrenzen, z.B. Tagesschau-App: Was ist Rundfunk und was ist Presse? Gesetze, die für Blogger relevant sind, sind zum Beispiel die Pressegesetze der Länder, das Telemediengesetz und die Rundfunkstaatsverträge. Die Presse hat einen großen Vorteil: den Quellenschutz. Die Presse ist nicht verpflichtet anzugeben, woher sie ihre Informationen nimmt. Das Zeugnisverweigerungsrecht gilt bei Personen, die […] Meinungsbildung dienenden Informations- und Kommunikationsdiensten berufsmäßig mitwirken[…]. Bei dem Wort berufsmäßig wäre es hier vor Gericht Auslegungssache, ob dieses Recht für Blogger greift. Für Blogger gilt das Zeugnisverweigerungsrecht nur, wenn der Blog der Meinungsbildung dient und der Blogger seinen Bog berufsmäßig betreibt. Wichtig ist, dass der Quellenschutz sich nur auf den redaktionellen Teil bezieht.

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